Hoch über dem Alpen mit fantastischer Fernsicht. Quelle: Malte Bernhardt. Obwohl Malte Bernhardt hervorragende Bedingungen über den Alpen für einen sehr schnellen Flug nutzte, kann der Aero Club Nastätten nur einen einzigen Rundenpunkt verbuchen. Die anderen beiden Wertungsflüge mit Start am Heimatflugplatz fanden leider unter erheblich schlechteren Bedingungen statt. Der Trostpunkt tröstet jedoch überhaupt nicht beim Blick auf die Tabelle. Der Verein muss sich mit einem sehr schmerzhaften Absturz von Rang 5 auf Rang 15 abfinden.

 

Blauthermik hat keinen guten Ruf unter Segelfliegern. Normalerweise wird das Ende der Aufwindschläuche durch eine weiße Cumuluswolke markiert. Bei Blauthermik ist die Luft viel zu trocken, um zu einer weißen Wolke zu kondensieren. Das erschwert die Aufwindsuche sehr. Die einzigen Orientierungshilfen bieten der Blick auf den Boden sowie das Erspähen von kreisenden Greifvögeln oder Mauerseglern. Bei Blauthermik entstehen über größeren Siedlungen oder Steinbrüchen mit höherer Wahrscheinlichkeit Warmluftblasen als über einem Getreidefeld oder Wald. Zunächst klebt so eine Warmluftblase am Boden. Ähnlich wie ein Wassertropfen an der feuchten Kellerdecke. Es braucht einen Impuls, um die Warmluftblase aufsteigen zu lassen. Das kann durch Wind geschehen, der die Warmluftblase gegen einen Waldrand oder Hügel drückt. Aus der Blase formt sich schließlich ein Schlauch, den Vögel und Segelflieger für den Aufstieg nutzen können. Solche unsichtbaren Thermikquellen pulsieren im Flachland. Selbst bei perfekter Berücksichtigung der Theorie kann es also gut sein, dass der Segelflieger keinen Aufwind findet, weil der Thermikschlauch vor kurzer Zeit uneinholbar nach oben weggestiegen ist. Dann muss man weiterfliegen. Außenlandung bei Blauthermik in einem Getreidefeld: Rumpf und Flügel verschwinden im Grün. Nur die Kabinenhaube ragt heraus. Quelle: Thomas PaulsenIm Ernstfall ist irgendwann die Höhe über Grund so gering, dass der Anschluss an einen Aufwindschlauch nicht mehr möglich ist. Und allerspätestens 150 m über Grund muss die Prozedur zur Landung eingeleitet werden. Dabei steht längst fest, in welchem Getreidefeld man landen wird. Üblich ist auch, bei abnehmender Höhe den nächsten Flugplatz anzufliegen, da die Landung dort sicherer ist. Jede sogenannte Außenlandung birgt Risiken. Der Acker kann zu einer Seite unerwartet abfallen oder von einem Graben durchzogen sein. Hochspannungsleitungen sind hingegen recht gut auszumachen, wenn man nach den Pfeilern schaut. Wiesen sind nicht zu empfehlen, da sie von kleinen Zäunen durchzogen sein können, die man erst dann erkennt, wenn es bereits zu spät ist. Auch wenn man einen Motor im Rumpf hat, wird stets so geflogen, als wenn dieser nicht vorhanden wäre. Der einfache Grund: So ein Antriebssystem kann versagen. Und dann ist es sehr beruhigend, einen soliden Plan B zur Hand zu haben.

 

Blauthermik war die Herausforderung des Samstags mit Startort Nastätten. Immerhin zwei Piloten konnten punkten. Am Sonntag bildeten sich vor den Gewittern Cumuluswolken, die zu Spontanstarts einluden, um die Wertung des Vortages vielleicht noch zu verbessern. Die Bedingungen waren jedoch sehr inhomogen und es musste auch Blauthermik genutzt werden. Jeweils vier Wertungsflüge gab es am Samstag und Sonntag für den ACN mit insgesamt drei verschiedenen Startorten.

 

Staubige Industriethermik über dem Stahlwerk 'Dillinger Hütte'.  Quelle: Jens-Christian HenkeMit großem Abstand lieferte Malte Bernhardt am Sonntag den schnellsten Flug für den ACN ab. Er startete relativ spät kurz vor 11:00 Uhr auf seiner Antares 20E auf dem Flugplatz Unterwössen am Nordrand der Alpen. Der Abflug über Loferer, Leoganger Steinberge verlief problemlos unter einer hohen Wolkenbasis. Ihm war klar, dass es ein sehr guter Tag werden würde. Ein kleiner Pulk Gleitschirmflieger half ihm bei der Entscheidung, direkt über die unlandbaren Ötztaler Alpen zu fliegen. Die Aufwinde über dem Engadin waren besonders gut. In dieser Region startete auch das Bundesliga-Zeitfenster. Die westlichste Wende war St. Moritz. Mit einer hohen Reisegeschwindigkeit von fast 120 km/h flog Bernhardt fast 300 km mit Kursrichtungen zwischen Ost und Nord. Besonders eindrucksvoll empfand er die immer wieder wunderschönen, dramatischen Dolomiten. Die Wolkenbasis war auf über 4.000 m angestiegen, so dass er am Großglockner vorbei und direkt über die höchsten Berge in Richtung Dachstein fliegen konnte. Das ist normalweise nicht machbar.       Am späten Nachmittag flog Bernhardt fast bis zum Olperer, bevor er wieder einen Westkurs einschlug. In bereits thermisch toter Luft konnte er problemlos aus großer Höhe mit einem kleinen Schwenk über den Chiemsee nach Unterwössen zurück gleiten. O-Ton Bernhardt: „Irre Bilder fürs Kopfkino – einer meiner schönsten Alpenflüge bisher.“ Der Pilot des Blauen Ländchens, der mehrfach im Jahr ein Fliegerwochenende an und über den Alpen verbringt, war am Sonntag acht Stunden in der Luft. Sein Flug war 821 km weit und seine Wertungsgeschwindigkeit für die Bundesliga waren sehr gute 102,55 km/h.

 

Ebenfalls am Sonntag nutzten Uli Leukel mit Co-Pilot Martin Fuhr auf ihrer ASH25Mi die sogenannte „Labilisierung von der Front“ für einen Bundesligaflug. Nach der Blauthermik des Vortages war feuchtere Luft eingeflossen, so dass endlich wieder Cumuluswolken entstehen konnten. Labilisierung bedeutet aber auch, dass die Cumuluswolken überentwickeln und zu Gewitterwolken mutieren können, was zum Ende des Fluges auch geschah. Das Gebiet mit den schönsten Cumuluswolken und dem besten Steigen lag in einem besonderen Luftraum über dem Internationen Verkehrsflughafen Frankfurt-Hahn, der normalerweise von Segelflugzeugen nicht genutzt werden darf. Die „Delta“ ist jedoch wie ein Motorflugzeug mit einem Transponder ausgestattet. Damit ist der Einflug in die sogenannte TMZ (Transponder Mandatory Zone) möglich. Es musste jedoch auch viel Blauthermik gekurbelt werden, was den Flug verlangsamt hat. Immerhin konnte eine Rundengeschwindigkeit von 66,23 km/h erflogen werden. Gelandet wurde vor einem Gewitter, das über Koblenz an Intensität gewann. Kaum war die „Delta“ in der Halle, fielen bereits die ersten Regentropfen.

 

Schnell nähert sich das Gewitter über Koblenz dem Flugplatz Nastätten. Quelle: Jens-Christian HenkeDas ACN-Dreierteam für die Bundesligawertung komplettierte Jens-Christian Henke auf seiner „Tango Mike“. Er flog seine DG-808C am Samstag ausnahmslos in der anstrengenden Blauthermik. Oft war er tiefer über Grund als ihm lieb war. Dann musste er auch schwächeres Steigen annehmen, um wieder an Höhe zu gewinnen. Das Stahlwerk „Dillinger Hütte“ spendete den stärksten Aufwind des Tages. Er schloss vorsichtshalber die Lüftung seines Seglers, da die Luft in so einer staubigen Industriethermik weit von den Normen eines Luftkurortes entfernt liegt. Lohn des Schwitzens während des fast 6-stündigen Fluges ohne Schatten war eine Rundengeschwindigkeit von 64,47 km/h.

 

Nach den bisherigen großen Erfolgen für den Aero Club Nastätten schmeckte die 7. Runde sehr bitter. Leider konnten nicht alle drei Flüge über den Alpen stattfinden. Denn dann wäre das Resümee ganz anders ausgefallen. Der Punkteabstand in der ersten Hälfte der Tabelle ist nämlich so eng, dass in diesem Fall der 5. Tabellenplatz locker hätte gehalten werden können. „Hätte, hätte, Fahrradkette…“ Fakt ist, dass der Taunus, der Hunsrück, der Westerwald und auch das Sauerland nicht mit der Aufwindqualität der Alpen, der Schwäbischen Alb, des Schwarzwaldes, des Thüringer oder Bayerischen Waldes mithalten kann, wenn die Luftmasse über Deutschland weitgehend ähnlich beschaffen ist. Insofern hofft der Aero Club Nastätten wieder auf schwierigere, inhomogenere Bedingungen in den nächsten Runden für einen Wiederaufstieg in das erste Tabellendrittel.

 

Text: Jens-Christian Henke

Runde 7 – Anstregende Blauthermik