Am Samstag um exakt 18:13 Uhr konnte sich der Aero Club Nastätten für kurze Zeit über die Tabellenführung freuen. Zu früh gefreut! Das deutschlandweit sehr gute Flugwetter am Sonntag krempelte die Wertung gründlich um. Obwohl sehr viele Pilotinnen und Piloten des ACN weit und schnell flogen, musste sich der Erstligist des Blauen Ländchens am Ende mit einem Trostpunkt zufriedengeben. Erfreulich trotzdem der Blick in die Tabelle. Der ACN rutscht nur um zwei Zähler auf Rang 5 ab.

Wieder konnte man mit den Wetterfröschen nicht wirklich zufrieden sein. Der Samstag entsprach noch weitgehend der mageren Vorhersage. Die Wetterbedingungen mit Startflugplatz Nastätten waren schwierig, da die Aufwinde ungleichmäßig verteilt waren und großflächige Abschirmungen umflogen werden mussten. Oft fanden sich die Piloten unangenehm tief über dem Gelände wieder, bevor sie ein Aufwind wieder höher trug. Trotzdem konnten Jens-Christian Henke und Malte Bernhardt klar die Mindestwertungsgeschwindigkeit überwinden. Peter Fabian startete in Bayreuth mit 96,62 km/h zum viertschnellsten Bundesligaflug der 6. Runde.

 

Am Sonntag war das Segelflugwetter erheblich besser als vorhergesagt. Die massiven Abschattungen blieben aus und der Cirrus schwenkte erst am Abend über die Rennstrecken. Der Fokus lag daher bei fast allen Ligapiloten mehr auf einem langen, erlebnisreichen Flug als auf einer schnellen Reisegeschwindigkeit im 2,5-stündigen Bundesliga-Zeitfenster. Der schnellste Flug des ACN war ein von Jochen Back strategisch perfekt ausgeführter, reiner Ligaflug. Für die anderen beiden Flüge, die es in die Wertung schafften, waren die guten Rundengeschwindigkeiten eher ein Nebenprodukt. Hatte man sich das Ziel gesetzt, einen großen, raumgreifenden Segelflug zu machen, dann war es am Sonntag mit Startplatz Nastätten nicht möglich, im Bundesliga-Zeitfensters stets über dem Gelände mit den besten Steigwerten zu bleiben. Drei Piloten freuten sich am Abend über eine Flugstrecke von mehr als 800 km. Moritz Althaus flog nicht nur im Verein am weitesten. Sein 879 km langer Flug war auch der längste und punkthöchste von über 400 Flügen, die in Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen gemeldet wurden. Er war fast 10 Stunden in der Luft.

 

Mit 102,42 km/h lieferte Jochen Back auf der „Yankee Delta“ den schnellsten Flug ab. Er startete gegen Mittag mit Co-Pilot Michael Schmitt auf der DG-1001/20m des Vereins. Back kämpfte anfangs mit Schwierigkeiten, da am Platz eine riesige, breitgelaufene Cumuluswolke die Thermikentwicklung stark dämpfte. In einem zweiten Anlauf schaffte er es, über die Lahn ins gute Wetter zu fliegen. Er berichtete, dass ihm im ersten Aufwind mit mehr als 3 m/s bei Bad Marienberg klar wurde, dass mindestens 120 Liter Ballastwasser im Flügel fehlte. Dort begann auch die Wertung für den Bundesliga-Sprint. Back folgte einer Aufwindreihung bis nördlich von Siegen. Dort hatten die beiden Piloten das wirklich seltene Glück, 800 Höhenmeter mit bis zu 5,5 m/s zu steigen. Das sind Steigwerte, die man eigentlich nur aus Afrika und Australien kennt. Kurz vor dem Beschränkungsgebiet nördlich von Meschede wurde gewendet, um einer Aufreihung nach Süden zu folgen. Auf diesem zweiten Bundesligaschenkel lagen die sehr guten Steigwerte zwischen 3 und 4 m/s, so dass der Beschluss gefasst wurde, noch einmal bis Meschede zu fliegen. Auf dem Rückweg nach Nastätten endete bei Ailertchen das 2,5-stündige Bundesliga-Zeitfenster. Manche Orte sahen die beiden Piloten also viermal, was an diesem Tag keine so große landschaftliche Abwechslung war. Aber fliegerisch, hinsichtlich der ausgezeichneten Steigwerte, die 110 km/h Reisegeschwindigkeit ermöglichten, war es ein besonderer Genuss. Mit Wasserballast wären gewiss 10 km/h mehr möglich gewesen. Nach Anwendung des Handicap-Faktors errechnete sich für Back eine Wertungsgeschwindigkeit von 102,42 km/h.

 

Seinen in seiner Fliegerkarriere bisher schnellsten Flug und zweitschnellsten Flug der 6. Runde lieferte Sascha Stüber aus Miehlen ab. Er flog seine DG-300/15m „Sierra Tango“ erstmals mit maximalem Wasserballast. Es mutet paradox an, dass schwerere Segelflugzeuge einen Vorteil haben können. Die Sinkgeschwindigkeit nimmt nämlich mit jedem Kilogramm an Bord zu, so dass der Segler in einem Aufwind langsamer steigt. Außerdem muss schneller geflogen werden, um den Vogel in der Luft zu halten, was den Kreisdurchmesser vergrößert. Das wiederrum erschwert den Aufenthalt im starken Aufwindkern. Diese Nachteile fallen aber nicht so sehr ins Gewicht, wenn die Thermik sehr kräftig ist. Sobald der nächste Aufwind angesteuert wird, kann bei gleichem Höhenverlust deutlich schneller geflogen werden. Insgesamt nimmt also die Reisegeschwindigkeit zu und es können mit Wasser größere Strecken geflogen werden. Abends, wenn die Thermikstärke üblicherweise wieder abnimmt, kann der Wasserballast einfach abgelassen werden. Dieser Vorgang dauert nur ein paar Minuten. Stüber war am nordwestlichen Rand des Nationalparks Hainich kurz davor, die Ablassventile der Wassersäcke zu öffnen. Er war nur noch 270 m über dem Boden, fand dann aber doch noch im letzten Moment einen Aufwind. Sein fast 600 km langer Flug führte ihn über das Sauerland bis an den Südrand des Sperrgebietes um den Internationalen Verkehrsflughafen Hannover. Von dort ging es zum Thüringer Wald. Geplant war eine Wende über dem Segelfluggelände Suhl-Goldlauter/Heidersbach. Nach dem Tiefpunkt und wegen massiver Ausbreitungen entschloss Stüber sich zum Rückflug nach Nastätten. Im Bundesliga-Zeitfenster, das über dem Sauerland startete, erzielte Stüber eine Wertungsgeschwindigkeit von 98,21 km/h.

 

Das Bundesligateam der 6. Runde komplettierte Moritz Althaus. Er startete auf dem Förderflugzeug vom Typ LS8 „Juliett Oscar“ so früh wie noch nie in Nastätten. Damit sein Wasserballast bei der erwarteten sehr starken Thermik noch mehr Wirkung entfalten konnte, verzichtete er auf die 18 m-Flügelverlängerungen und flog mit nur 15 m Spannweite. Er flog erfolgreich die ihm bekannten frühen Thermikquellen im Soonwald und Hunsrück an, bevor die Thermik auch außerhalb der Hänge einsetze. Am südwestlichen Ende des Hunsrücks wendete er und flog nun mit Kurs Ost auf Heidelberg zu. Über dem Hang südlich vom Schloss Heidelberg war er nur noch 120 m über dem Wald. Leider blieb der erwartete Aufwind aus und er musste umkehren, um nach dem Überflug der Häuser zu Äckern mit Außenlandemöglichkeiten zu gelangen. Weniger als 300 m über Grund musste er aus Sicherheitsgründen seinen Wasserballast ablassen. Eine Außenlandung mit Wasserballast ist unfallträchtig. Falls doch ein schwacher Aufwind gefunden wird, steigt man möglicherweise nur noch ohne die vielen Liter Wasser im Flügel. Über einem Waldstück fand Althaus endlich den rettenden Aufwindschlauch. Es ging zurück zur französischen Grenze und von dort 280 km weit zum Nordrand des Sauerlandes. Um die letzten Flugkilometer aus dem Tag zu kitzeln, landete Althaus nicht in Nastätten, sondern in Bad Sobernheim. Von dort wurde er mit einem Motorflugzeug zum Heimatflugplatz zurückgeschleppt. Sein Bundesligazeitfenster startete nach seinem Tiefpunkt bei Heidelberg und endete bereits kurz hinter Nastätten. Seine Rundengeschwindigkeit betrug 97,09 km/h.

 

Die Hauptsaison in der Segelflugsaison nähert sich. Es wurden 18 Flüge eingereicht und 16 Flüge lagen über der Mindestwertungsgeschwindigkeit von 40 km/h. Die aktuelle Rundenplatzierung hätte sicherlich dadurch verbessert werden können, wenn mehr Piloten konsequent nach den Regeln der Bundesliga geflogen wären. Am Ende zählt aber die Freude am Fliegen und an einem „Hammertag“, wie Segelflieger gerne die sehr guten Thermiktage nennen, fällt die Entscheidung meistens zu Gunsten eines weiten, raumgreifenden Fluges. Die Prognose für die kommende 7. Runde schaut wieder nach einer homogenen Wetterlage über ganz Deutschland aus. Für den Aero Club Nastätten, den Spezialisten für schwierige Wetterlagen, dürfte das eher ein Nachteil sein.

Runde 6 – Sehr weite Flugstrecken