Die Segelflieger des Blauen Ländchens werden geduscht
Es ist einfach kein Ende des kühlen, regnerischen Wetters in Sicht. Kleine Wetterfenster ermöglichten mit viel Mühe genau drei Wertungsflüge in der 12. Runde. Auf Platz 22 reicht das jedoch nur für einen Trostpunkt, so dass der Aero Club Nastätten in der Gesamtwertung um zwei Zähler auf Rang 17 abrutscht.

Regen im AnmarschDie meisten Segelfliegerinnen und Segelflieger des Blauen Ländchens erwarteten nach dem intensiven Studium der Wettermodelle für den Sonntag den deutlich besseren Tag des Wochenendes. Oft ist es aber so, dass direkt nach dem für den Sonnabend vorhergesagten Durchzug einer Kaltfront gute Aufwinde entstehen. Dabei ist jedoch mit einer hohen Schauerneigung zu rechnen. Üblicherweise gerät am Folgetag die Luftmasse unter mehr Hochdruckeinfluss, so dass die Schauerneigung abnimmt, die Basis der Cumuluswolken steigt und die Aufwinde bei abnehmender Windgeschwindigkeit einfacher zu nutzen sind. Es kam aber ganz anders: Alle beiden Bundesligaflüge am Sonnabend schafften es in die Wertung. Am Sonntag starteten hingegen fünf Piloten mit hohen Erwartungen, doch nur ein Flug am Spätnachmittag überwand die Mindestwertungsgeschwindigkeit von 40 km/h. Wie schwierig die Aufwindsuche am Wochenende war, kann man auch daran ablesen, dass nur einer der drei Wertungsflüge das 2,5-stündige Bundesliga-Zeitfenster voll ausgeschöpft hat. Liegt die Flugzeit unter 2,5 h, dann wird die nach Bundesligaregeln erflogene Strecke trotzdem durch 2,5 Stunden geteilt, was natürlich keinen guten Einfluss auf die Durchschnittsgeschwindigkeit hat. Für die leistungsstarken Segelflugzeuge gilt die Faustregel, dass man mindestens 115 km fliegen muss, um einen Wertungsflug abliefern zu können. Das Jahr 2016 wird schon jetzt in die Negativstatistik der Segelflugbundesliga eingehen. Obwohl für deutlich mehr als die Hälfte der Runden der Drops gelutscht ist, gelang es bisher in keiner Runde dieser Saison, alle 90 Bundesligaflüge auf den Internetserver des Online-Contests hochzuladen. Die Zahl 90 ergibt sich aus den 30 Vereinen, die jeweils die drei schnellsten Flüge werten lassen können.

 

Jochen Back blickte am Sonnabendnachmittag nach dem Durchzug der Kaltfront mit wenig Hoffnung auf einen Wertungsflug in den Himmel. Er schätzte die Wolkenbasis dafür als zu niedrig ein. Die Funkmeldung von Jens-Christian Henke, dass die Basis der Kumulanten über dem Hunsrück bereits bei 1.200 m lag, war der Weckruf für ihn und seinen Co-Piloten Alfred Perlich. Um 16:00 Uhr segelten sie unter einer Wolkenstraße zum Rhein. Ein kräftiger Aufwind hob den Vereinssegler „Yankee Hotel“, eine DG-1001T mit 20 m Spannweite, auf entspannte 1.650 m über dem Meeresspiegel. Auf dem ersten Flugschenkel folgten sie einer Wolkenreihung in Richtung Idar-Oberstein, die sich im 35 km/h starken Wind gebildet hatte. Auf 1.900 m stieg die maximale Flughöhe an. Die Bedingungen verbesserten sich aber noch weiter, so dass im schnellen Geradeausflug weit über Idar-Oberstein hinausgeflogen werden konnte. O-Ton von Back: „Eine für diesen Tag in Deutschland einzigartige Wolkenstraße!“ Jetzt ging es mit dem starken Wind im Rücken 135 km/h schnell bis nach Kirn und danach erneut nach Idar-Oberstein. Auf diesem Gegenwindschenkel lag die Reisegeschwindigkeit immer noch über 100 km/h. Ab einem bestimmten Punkt neigen jedoch sehr gute Aufwindstraßen dazu auszuregnen. Genau das passierte bei Birkenfeld und es war das klare Signal, den Heimweg anzutreten. Regentropfen verschlechtern die Gleiteigenschaften eines Segelflugzeuges ganz erheblich. Aus diesem Grund konnte der sicher geglaubte Heimweg nur noch mit einem kurzen Einsatz des Hilfstriebwerkes realisiert werden. Mit einer Rundengeschwindigkeit von 71,7 km/h gelang dem Team Back/Perlich der schnellste Bundesligaflug.

 

Der Wiesbadener Jens-Christian Henke tippte auf den Sonnabend als den geeigneteren Tag des Wochenendes und sollte am Ende Recht behalten. Die letzten Prognosen sagten den Durchzug der Kaltfront über Nastätten für 15:00 Uhr voraus. Dann würde die Sonne ungestört vom blauen Himmel auf den Boden strahlen und in der klaren Luft kräftige Aufwinde auslösen. Noch im Regen fuhr er daher gegen 13:00 Uhr in Wiesbaden los, um seine „Tango Mike“, eine DG-808C mit 18 m Spannweite, startbereit zu machen. Genau um 15:00 Uhr verschwand wenige Minuten nach dem Start auf der Piste „26“ der Propellerturm im schlanken Rumpf des Segelflugzeuges und der reine Segelflug konnte beginnen. Eine dunkelgraue Wolkenwurst lockte Henke in Richtung des internationalen Flughafens Frankfurt/Hahn. Auf der Rückseite der Kaltfront war die Fernsicht mit über 100 km ganz hervorragend. Da sein Flugzeug nicht mit einem sogenannten Transponder ausgestattet ist, musste er unterhalb eines Luftraumdeckels bleiben, der in knapp 1.400 m Höhe über dem Meeresspiegel liegt. Die lange Startbahn für die großen Boeings und Airbusse in Sicht, wendete er kurz vor dem für Segelflugzeuge gesperrten Luftraum in den Rückenwind. Den zweiten Bundesligaschenkel konnte er im reinen Geradeausflug mit einer Reisegeschwindigkeit von 138 km/h zurücklegen. Da die Wolkenoptik in Richtung Osten nicht so einladend für den Weiterflug war, wendete der Wiesbadener erneut in den mit bis zu 45 km/h sehr starken Gegenwind. Bei Argental lag seine dritte Wende und nun musste er versuchen, auf dem letzten, vierten Bundesligaschenkel mit dem Wind im Rücken nach Nordosten zu segeln. Südlich von Gießen stand eine mächtige, dunkelgraue Wolkenwurst, die weiter im Osten bereits ausregnete. Statt mit starken Aufwinden wurde Henke jedoch mit Regen unangenehm überrascht. Weniger als 500 m über Grund gab es nur noch eine Chance, wieder an Höhe zu gewinnen. Der kleine Ort Linden zwischen Wetzlar und Lich wurde intensiv von der Sonne bestrahlt. Der ACN-Pilot musste jedoch nach 10 Minuten Kampf in den durch den starken Bodenwind zerrissenen Aufwinden nur noch 200 m über Grund das Triebwerk seines Segelflugzeuges zünden. Zu diesem Zeitpunkt blieben 40 Minuten des Bundesliga-Zeitfensters ungenutzt. Dadurch reduzierte sich die gute Reisegeschwindigkeit von fast 100 km/h auf eine Rundengeschwindigkeit von 63,9 km/h.

Regen in SichtNachdem am Sonntag alle Pilotinnen und Piloten aufgrund der massiven Schauer ihre Bundesligaflüge vorzeitig abbrechen mussten, war eigentlich klar, dass es bei den beiden Wertungsflügen vom Sonnabend bleiben würde. Nach dem Beheben eines Problems am Fahrwerk unternahmen Gottfried Back und Jochen Back auf der „Yankee Hotel“ einen Probestart kurz vor 17:00 Uhr. Nach den massiven Regenfällen war der Himmel zu diesem Zeitpunkt wieder aufgeklart und die Sonne schien kräftig. Der Wind blies nach wie vor sehr lebhaft aus westlicher Richtung, so dass das Team am Egenrother Stock im Hangaufwind und mit wenig Motorkraft Höhe gewinnen konnte. Die Thermik verschiedener kleiner Wolken hob den Segler auf ca. 1.200 m und es entstand im Cockpit die Idee, den Sprung an das im Norden aufbauende Wolkenband zu wagen. Da es um 18:00 Uhr eigentlich zu spät für einen Bundesligaflug war, tastete sich das Team sehr vorsichtig eine gut tragende Wolkenstraße entlang in Richtung Boppard. Mit ganz wenigen Kreisen ging es dann weiter in Richtung Mayen. Dort lag die Wolkenbasis bei erstaunlichen 1.650 m. Über der Eifel breiteten sich die Wolken leider aus, so dass das Team vorsichtshalber wegen der zunehmenden Abschattungen um 18:35 Uhr umkehrte. Die Wolkenstraße trug auf dem Heimweg aber immer noch sehr gut bis nach Kemel. Trotz der ungewöhnlich späten Stunde wurde auf diesem Schenkel eine Reisegeschwindigkeit von 106 km/h erreicht. Da das Bundesliga-Zeitfenster von 2,5 h nicht ausgeschöpft werden konnte und die „Yankee Hotel“ auf den Gegenwindschenkeln mit weniger als 60 km/h unterwegs war, ergab sich eine Rundengeschwindigkeit von 50,2 km/h. Das Doppel-Back-Team ist übrigens nicht verwandt. Es ist aber ein echtes Elektromeister-Doppelpack, das diesen ungewöhnlichen Flug mit der späten Landung um 19:15 Uhr am Sonntag für den ACN abliefern konnte.

Der Aero Club Nastätten hat in der 12. Runde sehr viel Biss gezeigt. Trotz der widrigen Wolkengebilde am Sonntag, die die Pilotinnen und Piloten mehr als einmal kräftig abduschten, lagen drei Flüge klar über der Mindestwertungsgeschwindigkeit von 40 km/h. Den Erstligisten des Blauen Ländchens haben die Flüge viel Spaß gemacht und der Anblick der riesigen Regenwolken in der klaren Luft war sehr beeindruckend. Immerhin wurde der große Einsatz und Optimismus mit einem Trostpunkt in der Rundenwertung belohnt. Die Chance auf den Verbleib in der 1. Segelflugbundesliga ist trotz der Abgabe von zwei Zählern gestiegen, weil jetzt nur noch sieben Runden ausgetragen werden. Der Verein kann sich weiterhin klar in der Tabellenmitte behaupten.

Runde 12