Superrunde für den ACN
In der deutschlandweit gewittrigen Luftmasse des Sonnabends nutzen die Segelflieger des Blauen Ländchens ein kleines Wetterfenster für schnelle Bundesligaflüge. Erneut punktete der Erstligist zweistellig und klettert zurück in die Tabellenmitte.

Nürburgring aus der LuftDie Wetterprognosen favorisierten den Sonntag ganz klar als den verlässlicheren Bundesligatag. Jochen Back erkannte jedoch intuitiv, dass der Sonnabend trotz oder gerade wegen der gewittrigen Luftmasse sehr gute Bundesligaschnitte ermöglichen könnte. Er motivierte weitere Mitstreiter für seine sehr optimistische Vision, die sich am Ende als goldrichtig herausstellte. Das Satellitenbild von 14:00 Uhr zeigte ein chaotisches Wettergeschehen. Ein sehr kleines, aber energiereiches Wetterfenster lag über den Flugplatz Nastätten. Südlich über dem Taunuskamm regnete es. Die dunkelgraue Wolkendecke lag teilweise sogar auf. Nördlich über dem Lahntal regnete es ebenfalls. Dazwischen war es jedoch möglich, überwiegend unter Aufwindreihungen mit großem Geradeausfluganteil sehr schnell zu fliegen. Der ACN nutzte diese Chance mit vier Bundesligaflügen voll aus. Am Sonntag gelangen weitere vier Bundesligaflüge über der Mindestwertungsgeschwindigkeit von 40 km/h. Drei Piloten starteten auf dem Segelfluggelände Nastätten und einer auf dem Flugplatz Bruchsal im Rheintal. Die Rundengeschwindigkeiten lagen jedoch klar unter den Vorgaben vom Sonnabend.

Jochen Back startete einsitzig auf dem Vereinsdoppelsitzer „Yankee Hotel“, da nur schwache Aufwinde vorhergesagt waren. Leichte Segelflugzeuge steigen nämlich schneller und können außerdem engere Kreise im Aufwindkern fliegen. Bei kräftiger Thermik wird hingegen Wasserballast mitgenommen, weil man dann bei gleicher Sinkgeschwindigkeit schneller zum nächsten Aufwind gleiten kann, was das etwas schlechtere Steigen mehr als ausgleicht. Die vereinseigene DG-1001T „Yankee Hotel“ (20 m Spannweite) steuerte Back zunächst unter einer Wolkenstraße in Richtung des internationalen Verkehrsflughafens Frankfurt-Hahn. Schnell stieg die Basis auf 1.300 m über dem Meeresspiegel an und die Steigraten verbesserten sich auf 2 m/s. Back folgte der Wolkenstraße weiter, die jedoch recht bald nicht mehr trug. Nur noch 250 m über Grund fand er einen rettenden Aufwind, der ihm aufKonvergenz Gegenkurs den Anschluss an den hebenden Teil der Wolkenstraße ermöglichte. Ihr konnte er sehr weit bis nach Butzbach folgen. Mittlerweile hatte sich eine Konvergenzlinie entwickelt, der Back ohne Höhenverlust im schnellen Geradeausflug folgen konnte. Eine Konvergenzlinie entsteht, wenn zwei Luftmassen aus unterschiedlichen Richtungen zusammenströmen. Da die Luft nur nach oben ausweichen kann, entstehen kräftige Aufwinde. Herabhängende Wolkenfetzen, ein typisches Merkmal von Konvergenzlinien, konnte auch Back beobachten. Nach der Wende bei Butzbach musste er während der letzten Stunde seines Fluges nur noch zweimal kreisen, um Höhe zu gewinnen. Der letzte 45 km lange Schenkel von Treis-Karden an der Mosel bis Breithard/Untertaunus wurde mit einer Reisegeschwindigkeit von erstaunlichen 157 km/h zurückgelegt. Im Bundesliga-Zeitfenster betrug seine Rundengeschwindigkeit 91,1 km/h. Mit einem zweiten Mann an Bord und Wasserballast im Flügel wäre Back noch schneller unterwegs gewesen.

Martin Fuhr mit Co-Pilot Uli Leukel gelangen auf der ASH25Mi „Delta“ (26,5 m Spannweite) der zweitschnellste ACN-Flug. Der Abflug erfolgte um 15:00 Uhr, fast eine Stunde später als der der „Yankee Hotel“. Ihr Flugweg war sehr ähnlich. Nach dem Windenstart musste aber zunächst das Hilfstriebwerk gestartet werden, da die Thermik noch sehr unregelmäßig war und keinen Höhengewinn ermöglichte. Fuhr und Leukel wendeten bei Nannhausen. Zum Hunsrück und Taunus mussten sie Abstand halten, weil sich dort mittlerweile große Wolken und ausgedehnte Schauergebiete gebildet hatten. Auf dem Weg nach Osten nutzte das Team ebenfalls das interessante Wetterphänomen Konvergenzlinie mit Wolkenunterkanten in stark unterschiedlichen Höhen. Auch die „Delta“ wendete bei Butzbach und flog fast wie ein Motorflugzeug ohne Höhenverlust im Geradeausflug der Konvergenzlinie folgend nach Nastätten zurück und noch ein Stück weiter in Richtung Westen bis zum Rhein. Dort lag die letzte Wende und es ging zum Heimatflugplatz zurück, weil sich die Regenbänder immer weiter auf Nastätten zubewegten. Leider konnte mit 2:11 Stunden das Ligazeitfenster nicht ganz ausgeschöpft werden. Da die erflogene Strecke in diesem Fall trotzdem durch 2:30 Stunden geteilt wird, lag die Rundengeschwindigkeit nach Anwendung des Handicap-Faktors mit nur 80,0 km/h deutlich unter der Reisegeschwindigkeit von 106,7 km/h.

Koblenz von obenDas Bundesliga-Team komplettierte der Nastätter Malte Bernhardt, der auf seiner Antares 20m „Mike Alpha“ (20 m Spannweite) kurz nach der „Yankee Hotel“ startete und gemeinsam mit ihr den ersten Schenkel mit Kurs Südost über den Rhein flog. Obwohl Bernhardt deutlich früher als Back wendete, blieb ihm ein kritischer Moment mit nur noch 240 m Luft unter dem Rumpf nicht erspart. Im Gegensatz zu den anderen beiden ACN-Piloten flog die „Mike Alpha“ einen deutlich nördlicheren Kurs. Bernhardts Reisegeschwindigkeit war auf den vier Bundesligaschenkeln mit 118,0 km/h am höchsten. Wie die „Delta“ konnte auch die „Mike Alpha“ das Bundesliga-Zeitfenster nicht voll ausschöpfen, weil Bernhardt bereits nach 1:54 Stunden südöstlich von Braunfels den Elektromotor seines Seglers starten musste, um eine Außenlandung in einem Getreidefeld abzuwenden. Nach Anwendung des Handicap-Faktors erzielte Bernhardt eine Rundengeschwindigkeit von 77,9 km/h.

Wie schon in der letzten Runde kann der Nastätter Erstligist auf Platz 5 mit 16 Punkten zweistellig punkten, so dass der Verein in der Tabelle wieder ein deutliches Stück von Rang 19 auf Rang 17 nach oben rückt. Das Wetter spielt leider unverändert verrückt. Die im letzten Bericht vorhergesagte „herausfordernde Kreativrunde“ wurde Realität. Für die kommende 11. Runde werden abermals Gewitter und Starkregen vorhergesagt. Und erneut wurden selbst in der 1. Segelflugbundesliga nicht alle 90 möglichen Wertungsflüge ausgeschöpft, was es – das Murmeltier lässt grüßen – noch nie gegeben hat. Die Hälfte der Segelflugbundesliga ist bereits vorbei. Jetzt werden noch neun Runden ausgeflogen und jede Segelfliegerin und jeder Segelflieger wünscht sich, dass sich endlich ein stabiles, trockenes und angenehm warmes Sommerhoch mit hervorragendem Streckenflugwetter über Mitteleuropa einnistet. Die Nastätter Luftfahrer möchten nämlich nicht nur schnell, sondern auch mal richtig weit fliegen. Das war bisher nicht möglich.

Runde 10 – Superrunde