Zwölf Rundenpunkte für den ACN unter tiefgrauem Himmel
Die Segelflugbundesliga wird oft in den schwierigen Runden entschieden. Obwohl die Sonnenstrahlen in der 9. Runde nur selten auf den Boden trafen, erflog der ACN ein wertvolles Dutzend Rundenpunkte und rückte in der Tabelle stattliche vier Zähler nach oben.

Am vergangenen Wochenende erinnerte der Blick in den Himmel über dem Blauen Ländchen an den Spielfilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Am Sonnabend gab es dichte Wolken in verschiedenen Höhen und in allen Grauschattierungen, immer wieder Regen und nur ganz wenig Sonne. Erneut wurde im Norden der Republik richtig schnell geflogen. Aber nicht nur das. Es wurde auch richtig weit geflogen. Die erstaunliche Anzahl von elf Piloten überwand die magische Flugstrecke von 1.000 km. Der Blick in die Rundenwertung zeigt ganz deutlich, dass trotz dieser großartigen Erfolge im Norden die Erstligisten insgesamt mit noch viel schlechterem Wetter zu kämpfen hatten als am vorherigen Wochenende. Spielten in der 8. Runde nur 22 der 30 Vereine in der 1. Liga mit, so waren es in der 9. Runde nur 18 Vereine. Das lag auch am völlig verregneten Sonntag. Eine bisher unerreicht schlechte Statistik der diesjährigen Segelflugsaison.

Martin Fuhr mit Co-Pilot Jochen Back waren in der großen ASH25Mi „Delta“ (26,5 m Spannweite) mit einer Rundengeschwindigkeit von 76,1 km/h am schnellsten für den ACN unterwegs. Fast wäre es gar nicht zu diesem Flug gekommen, weil die Wetteroptik wirklich wenig Hoffnung auf Wertungsflüge machte. Back war die motivierende Kraft hinter allen drei Bundesligaflügen. Nach einem späten Start um 15:00 Uhr ging es zunächst zu den Rheinhängen, die schwache Aufwinde spendeten. Dort startete das 2,5-stündige Bundesligafenster und das Team flog vorsichtig mit Nordkurs weiter bis nach Dierdorf. Die Flughöhe über dem Meeresspiegel lag zwischen sehr mageren 900 bis 1.350 Metern. Auf dem zweiten Schenkel bis zur freien Wende nördlich von Marburg stieg die Wolkenbasis bis auf über 1.600 m an. Das hört sich zunächst gut an. Allerdings muss bedacht werden, dass auch das Gelände in diese Richtung ansteigt, so dass sich die Flughöhe über Grund nicht grundlegend verbesserte. Zwischenzeitlich fiel aus manchen Wolken sehr überraschend Regen. Der Kurs musste immer mehr von Nordost auf Ost korrigiert werden, um nicht in eine breite Regenfront hinein zu fliegen. Eine Ironie des Fluges ist, dass es östlich von Wetter (Hessen)zurück nach Nastätten ging. Ein direkter Kurs konnte nicht eingeschlagen werden, weil die thermikversprechende Blumenkohlwolken mal links und mal rechts vom Kurs lagen. Erst 25 km vor Nastätten war sich Fuhr sicher, Nastätten ohne Motorhilfe erreichen zu können. Ein sehr schöner Flug in sehr wechselhaftem und zugleich höchst interessantem Wetter ließ das Team nach der Landung mit einem breiten Grinsen aus den Cockpits steigen.

Nur wenig langsamer war der Nastätter Malte Bernhardt mit 72,4 km/h auf seinem Elektrosegler Antares 20m „Mike Alpha“ (20 m Spannweite). Sein Flugweg stimmte in großen Teilen mit dem der „Delta überein. Allerdings startete er bereits fast anderthalb Stunden früher. Richtig spannend wurde für Bernhardt der Anschluss an die Thermik nordöstlich von Neuwied über den Osthängen des Rheinbeckens. Nur noch 270 m über Grund war der Segler hoch, als er im letzten Moment einen rettenden Aufwind fand. Bis zu seiner östlichen Wende am Biedenkopf wurden mehrfach vergleichsweise komfortable Flughöhen von über 1.500 m über dem Meeresspiegel erreicht. Zurück nach Nastätten ging es über Dierdorf.

Das Bundesligateam der 9. Runde komplettierte der Wiesbadener Jens-Christian Henke auf seinem wenige Tage zuvor erworbenen eigenstartfähigen Segelflugzeug vom Typ DG-808C. Die „Tango Mike“ hat eine Spannweite von 18 m. Es war sein dritter Start und sein erster Bundesligaflug auf diesem Muster. Auch er startete relativ spät gegen 14:30 Uhr. Da Henke der Wolkenoptik in Richtung Nordost nicht traute, graste er die grauen Kumuluswolken unter der ähnlich grauen, mittelhohen Wolkendecke über dem Taunus ab. Im Mittel waren die Aufwinde mit 0,7 m/s ziemlich schwach. Sehr oft zeigten ihm die kleinen, extrem wendigen Mauersegler die etwas besseren Aufwinde. Mauersegler sind erstaunliche Vögel, weil sie pro Jahr eine Strecke von weit über 100.000 km fliegen. Sie wiegen nur etwa 50 Gramm. Genau diese Masse an Insekten und Spinnen fängt ein Brutpaar pro Tag, um für sich selber und den Nachwuchs zu sorgen. Das geschieht ausschließlich in der Luft. Da Aufwinde große Mengen von Insekten in größere Höhen transportieren, sind Mauersegler die besten Aufwindanzeiger nach den Greifvögeln. Eine Herausforderung auf diesem Flug bestand im Einhalten der Luftraumgrenzen. Im Bereich des Taunuskamms sinkt nämlich der für Segelflugzeuge nutzbare Luftraum in Richtung des Flughafens Frankfurt in Stufen immer weiter ab. Dank eines speziellen Navis für Segelflieger kann man diese Grenzen metergenau einhalten. Der Plan, bis an das östliche Ende des Taunus zu fliegen, ging leider nicht auf, weil eine dicke Regenwolke den Weg versperrte. Genau über der A3 bei Idstein musste Henke daher wenden. Auf dem zweiten Bundesligaschenkel ging es zurück in Richtung Rüdesheim. Der dritte Schenkel verlief über dem Taunuskamm bis fast nach Niedernhausen. Auf dem letzten Schenkel wurde mit Kurs 240° der Rhein überquert. Henke wendete kurz vor der A61, um noch im Gleitflug Nastätten erreichen zu können. Er erzielte eine Rundengeschwindigkeit von 48,7 km/h.

Endlich kann der Nastätter Erstligist wieder zweistellig punkten, nachdem sich die Pilotinnen und Piloten in den vorherigen drei Runden mit einem oder zwei Punkten zufrieden geben mussten. In der Tabelle entfernt sich der Verein des Blauen Ländchens klar von der Abstiegszone und klettert um erfreuliche vier Zähler auf den 19. Platz nach oben. Da immer noch kein stabiles Hochdruckgebiet vorhergesagt wird, könnte auch am kommenden Wochenende eine herausfordernde Kreativrunde für die Segelfliegerinnen und Segelflieger des ACN auf der Agenda stehen.

Runde 9