Der ACN Aufstieg auf der Kippe

Wenige Sonnenflecken auf dem Boden. In Richtung Limburg ist alles grau. Noch 27.2 km bis zum Heimatflugplatz.
Nur vier Minuten später reißt die Abschirmung auf.    

Der Aero Club Nastätten wird in der letzten Bundesligarunde an seinem Fliegerfest-Wochenende alles geben müssen, um den Aufstieg in die 1. Segelflugbundesliga zu sichern.

Die europäische Segelflugsaison 2015 werden die meisten Segelflieger mit keiner guten Schulnote versehen. Die meisten würden sich wohl zwischen „ausreichend“ und „mangelhaft“ entscheiden. Wie gut oder wie schlecht das Segelflugwetter war, lässt sich auch ganz ausgezeichnet an den erflogenen Rundengeschwindigkeiten ablesen. Hier ist die Erklärung: Man kann zum einen davon ausgehen, dass die Motivation der Erst- und Zweitligavereine sehr hoch ist. Auch bei grenzwertigem Wetter werden die Hallentore aufgeschoben. Des Weiteren kann man sicher sein, dass die fliegerischen Kenntnisse und Fertigkeiten der Pilotinnen und Piloten weit überdurchschnittlich sind. Wenn also ein Verein der beiden oberen Ligen gar keinen Flug einreicht, dann lässt das nur einen Schluss zu: Das Segelflugwetter war wirklich mies. In der 18. Runde war es über Deutschland so schlecht („Hallo Siebenschläfer!“), dass von den 30 Zweitligisten nur 13 Vereine wenigstens einen Flug auf den Bundesliga-Server hochladen konnten. Dabei schlug sich der Aero Club Nastätten sehr erfreulich: Von den vier Piloten, die am Samstag in Nastätten abhoben, gelang es immerhin zwei Seglern, die Mindestwertungsgeschwindigkeit von 40 km/h zu übertreffen. Leider zerschlug sich am Sonntag die Hoffnung, dass ein Wettbewerbsflug der „Lima Mike“ mit Peter Fabian und Olaf Merbt auf der Deutschen Meisterschaft in Stendal bei Berlin für die Bundesliga zählen würde. Obwohl der dritte Flug fehlte, reichte es für den 8. Platz und 13 Rundenpunkte.

Jochen Back aus Taunusstein mit Co-Pilot Jörg Lehnigk punkteten auf dem neuen Vereins-Doppelsitzer „Yankee Delta“. Da nur niedrige Wolken vorhergesagt wurden, fiel die strategische Entscheidung, das Rheintal im Süden zu befliegen, das etwa 200 Meter niedriger als das Segelfluggelände Nastätten liegt. Schnell musste der Plan über den Haufen geworfen werden, weil die DG-1001 mit 20 Metern Spannweite bereits über dem Wispertal nass wurde. Die Wetteroptik sah in Richtung Wetzlar überraschend gut aus, so dass in diese Richtung mit nur 650 m über Nastätten abgeflogen wurde. Langsam stieg die Wolkenbasis in nordöstlicher Richtung bis auf die „Wohlfühlflughöhe“ von 1.500 Metern über dem Meeresspiegel an. Bei Homberg/Ohm endete der erste 105 Kilometer lange Bundesligaschenkel unter einer thermisch toten Abschirmung. Auf dem zweiten Bundesligaschenkel ging es zurück nach Butzbach. Dort lockte eine schöne Wolkenstraße das Team nach Marburg/Schönstadt. Auf diesem dritten Bundesligaschenkel wurde eine hervorragende Reisegeschwindigkeit von 114.6 km/h überwiegend im Geradeausflug erzielt. Nur 15% der Zeit kreiste der Doppelsitzer in kräftigen Aufwinden. Der guten Wolkenoptik weiter folgend ging es auf dem vierten und damit letzten Bundesligaschenkel zurück nach Gießen. Im Durchschnitt über die vier Schenkel erzielte das „Yankee Delta“-Team in dem herausfordernd inhomogenen Thermikwetter eine sehr gute Rundengeschwindigkeit von 82.0 km/h. Zum Glück hatte sich jetzt im Süden eine Sonnenlücke gebildet, sodass der Rückflug unproblematisch war.

Nur 10 Minuten später als die „Yankee Delta“ startete Werkstattleiter Martin Fuhr mit Co-Pilot Uli Leukel auf dem großen Doppelsitzer „Delta“ (26,5 Meter Spannweite). Da die Bewölkung von Süden her immer dichter wurde und die Schauer immer näher kamen, flogen die beiden ebenfalls mit Kurs Nordost. Unter der dichten hohen Abschirmung bildeten sich Kumuluswolken mit einem Bedeckungsgrad von 2-3/8teln. Anfangs lag die Wolkenbasis bei nur 1.200 m über dem Meeresspiegel. Erst auf der Höhe von Wetzlar und Gießen lockerte sich die abschirmende Bewölkung auf, so dass durch die stärkere Sonneneinstrahlung deutlich bessere thermische Aufwinde entstehen konnten. Auch die „Delta“-Mannschaft flog zuerst bis Homberg/Ohm und auf dem zweiten Schenkel zu den Lahnbergen bei Marburg. Dort wendete das Team, um nun in Richtung Vogelsberg zu fliegen. Eine Wolkenstraße versprach gute Bedingungen und die Basis war inzwischen auf 1.500 bis 1.600 Meter über dem Meeresspiegel angestiegen. Nördlich des Hoherodskopfes wendete die „Delta“ ein letztes Mal und flog in Richtung Heimat. Wenige Kilometer südöstlich von Wetzlar endete das 2,5-stündige Bundesligazeitfenster. Problematisch für den Rückflug war, dass der Gegenwind auf bis zu 30 km/h zunahm und sich außerdem die abschirmende Bewölkung wieder verdichtete. In Richtung Heimat waren Schauer zu sehen und das Team war daher nicht sehr optimistisch, Nastätten ohne den Einsatz des Motors erreichen zu können. Eine südlichere Routenwahl über Riedelbach in Richtung Bad Camberg zahlte sich aus. Bei Selters fand sich ein letzter Aufwind, der den Doppelsitzer bis auf 1.400 Meter trug, so dass genug Höhe für den 27 km weiten Gleitflug nach Nastätten zur Verfügung stand.

Am nächsten Wochenende entscheidet sich, ob dem Aero Club Nastätten der Aufstieg in die 1. Segelflugbundesliga gelingt. Die Voraussetzungen sind auf dem aktuell 6. Tabellenplatz gut. Trotzdem wird der Verein einen vollen Einsatz leisten müssen, damit das Ziel nicht auf die nächste Saison verschoben werden muss. Erschwerend kommt hinzu, dass der Verein jedes Mitglied benötigt, um das traditionelle Fliegerfest erfolgreich vorbereiten und durchführen zu können. Momentan schauen die Wetterprognosen für das kommende Wochenende sehr erfreulich aus. Drücken sie dem ACN die Daumen und das möglichst vor Ort am Sonntag auf dem Segelfluggelände Nastätten. Dort erwarten Sie viele fliegerische Attraktionen, leckerer Kuchen und herzhafte Grillspezialitäten.

Runde 18