Vier Rundenpunkte dank Auswärtsspiel
 

Über den Seen und Rapsfeldern Mecklenburg-Vorpommerns

Schwierige Wetterbedingungen über dem Blauen Ländchen und ein sehr schneller Flug über Mecklenburg-Vorpommern bescheren dem ACN vier wertvolle Rundenpunkte

Das Wochenendwetter war geprägt von zwei völlig unterschiedlichen Luftmassen. Ein Hochdruckgebiet über dem Baltikum sorgte für viel Sonne im Nordosten der Republik. Im Südwesten hingegen verteilte ein ausgeprägtes Tiefdruckgebiet über den britischen Inseln dicke Wolken, so dass die Segelflieger mit schwierigen Aufwindbedingungen zu kämpfen hatten. Dazwischen tobten kräftige Gewitter. Am Startplatz „Nastätten“ ließen die Wetterprognosen allenfalls am Samstag Wertungsflüge zu. Der Sonntag konnte gleich als Totalausfall verbucht werden. Doch die Pilotinnen und Piloten des Aeroclub Nastätten hatten mit Holger Back auf dem Flugplatz Neustadt-Glewe zwischen Hamburg und Berlin ein Sonntags-As im Ärmel. Er trainiert dort bis zum 3. Mai die Segelflug-Nationalmannschaft.

Am Samstag fand sich eine kleine Pilotengruppe auf dem Flugplatz Nastätten ein, die trotz der schwachen und inhomogenen Thermikbedingungen für die Bundesliga punkten wollte. Großes Pech mit der Bordelektronik hatte das Team Peter Fabian und Alfred Perlich. Sie flogen den großen Doppelsitzer „Lima Mike“ (25,6 m Spannweite) im 2,5-stündigen Wertungsfenster weit genug, um die Mindestwertungsgeschwindigkeit von 40 km/h zu knacken. Es war jedoch nicht möglich, den Datenlogger nach der Landung auszulesen, der im Abstand von wenigen Sekunden GPS-Position und Flughöhe aufzeichnet und die Datei mit einer fälschungssicheren Signatur versieht. Auch der Backup-Logger überraschte mit technischen Problemen, so dass das Team keinen Wertungsflug einreichen konnte. Perlich berichtete, dass es schwierig war, die Aufwinde zu finden und sie über Ailertchen im Westerwald nur noch 500 m über Grund hoch waren.

Mit 42,4 km/h flog Thomas Paulsen, der 2. Vorsitzende des ACN, auf seinem Einsitzer „Hotel Papa“ vom Typ LS4 (15 m Spannweite) etwas schneller als die Mindestwertungsgeschwindigkeit. Er flog zunächst auf den Soonwald zu, den er jedoch aufgrund zu geringer Sonneneinstrahlung nicht erreichen konnte. Mehr Sonne und mehr Aufwinde fand er in nördlicher Richtung. Über dem Turm im großen Waldstück westlich von Montabaur fand er den besten Aufwind seines Fluges. Dort konnte er hoch genug steigen, um in ruhiger Luft unter einer geschlossenen Wolkendecke zurück nach Nastätten gleiten zu können. Erst am Flugplatz gelang es ihm, in einem sehr schwachen Aufwind kreisend genug Höhe zu gewinnen, der ihm einen Abstecher zum Schäferkalk erlaubte. Paulsen war überrascht, dass er mit seinem Flug die Hürde der Mindestwertungsgeschwindigkeit überwinden konnte. Sein Fazit: Nie aufgeben! Denn ohne diesen Flug hätte der ACN drei Tabellenplätze abgeben müssen.

Das Doppelsitzer-Team Martin Fuhr mit Co-Pilot Klaus Doubek tastete sich deutlich weiter nach Norden vor. Sie starteten auf der ASH25Mi „Delta“ (26 m Spannweite) eine Stunde vor Paulsen und segelten oft nur 1000 m über dem Meeresspiegel. Abschirmende Wolken und Regenschauer versperrten den Weg nach Süden und Westen. Taktische Manöver ließ das marginale Wetter nicht zu. Vielmehr bestimmten die sonnigen Abschnitte ihren Flugweg, weil normalerweise nur durch Sonnenstrahlen auf dem Boden Aufwinde entstehen können. Eine Ausnahme von dieser Regel garantierte den Heimflug nach Nastätten: Bei Dierdorf hob ein kräftiger Aufwind mit über 2,2 m/s den großen Doppelsitzer auf genügend Höhe für den Gleitflug zurück nach Nastätten. Mit einer Rundengeschwindigkeit von 65,1 km/h gelang ihnen der zweitschnellste ACN-Flug.

Der zweifache Vizeweltmeister Holger Back profitierte sehr von dem Baltikum-Hoch. Mit einer Reisegeschwindigkeit von über 126 km/h jagte er seine LS10 „Seven One“ (18 m Spannweite) über die Seen und gelben Rapsfelder Mecklenburg-Vorpommerns. Er flog zunächst fast 100 km nach Osten, um dann mit dem bis zu 40 km/h starken Wind im Rücken über 200 km bis zur geografischen Länge von Hamburg zu gleiten. Wolkenstraßen erlaubten ihm, auch im Geradeausflug zu steigen. Das erhöhte – wie auf einer Autobahn ganz ohne Staus – seine Reisegeschwindigkeit ganz erheblich. Denn sonst muss zeitraubend unter isolierten Kumuluswolken gekreist werden, um Höhe zu gewinnen. Nach Anwendung des Handicap-Faktor für sein Flugzeug ergab sich eine Rundengeschwindigkeit von 111,2 km/h.

Der ACN kassierte mit dem 17. Rundenplatz vier wertvolle Punkte und verteidigte seinen 20. Tabellenplatz. Ein Blick auf die Platzierungen macht deutlich, wie extrem unterschiedlich das Segelflugwetter am vergangenen Wochenende war: Im Nordosten gelang dem LSV Burgdorf der Rundensieg mit einer Wertungsgeschwindigkeit von durchschnittlich 126,5 km/h. Im Südwesten konnten zwei Erstligisten überhaupt nicht starten. Für die 3. Runde am ersten Maiwochenende prognostizieren die Wetterfrösche endlich gute Aufwinde über ganz Deutschland.

Text: Jens-Christian Henke; Photo: Holger Back

Runde 2